Missed Carnival? Too bad!

Kirche

März 2, 2008 · Kommentar schreiben

Es ist schwer zu beschreiben, welche immense Präsenz die Kirchen hier in Brasilien haben. Ich hatte zwar im Vorfeld viel darüber gehört und konnte mich natürlich auch an ein paar erstaunliche Predigten von meinem Studienjahr hier erinnern, aber was ich hier in den letzten Tagen gesehen habe, übersteigt wirklich meine protestantische Vorstellungskraft. Es gibt hier unzählige verschiedene Kirchen, eine Mischung, die über unsere einfache deutsche Trennung von Katholiken und Protestanten weit hinaus geht. Den groessten Zulauf haben die Evangelisten. Das sind diese Kollegen, welche die Menschen mit groesster Inbrunst ihre Predigten halten und dabei nicht selten schreien und in Ekstase geraten, um uns auf den Pfad Gottes zu bringen. Manche sind dabei auch ganz ruhig und versuchen Gottes Botschaft mit trivialen Alltagsgeschichten zu erklären Die besten können sogar Blinde wieder sehend machen. Ein von diesen Kirchen, die Assembleia de Deus, ist mittlerweile unglaublich mächtig und auch politisch einflussreich geworden, dass sie ähnlich wie in den USA eine extrem wichtige Wählergruppe darstellen.

Auf der Busfahrt von Rio nach Porto Alegre saßen zwei Frauen hinter mir, die sich bestimmt 3 Stunden über Maria Magdalena, Jesus Christus und ihre jeweiligen Pastoren unterhalten haben. Das an sich wäre glaube ich gar nicht so erwähnenswert, viel interessanter ist das „wie“. Meine Nichte hat die gleichen Charakterzüge wie Maria, Jesus Christus soll meinem Mann wieder Arbeit bescheren und meiner Mutter Gesundheit, unser Pastor sammelt ein paar kleinen Spenden ein und tut etwas für die Gemeinde. Und dieses wird mit einer Mischung aus Pathos und einer gewissen Oberflächlichkeit über lange Zeit in allen Einzelheiten dargelegt. Dass „etwas für die Gemeinde tun“ wahrscheinlich billiger wäre, wenn man es selber machen und zudem nicht so viel Geld in den Taschen des Predigers landen würde und dass Jesus Christus keine Autos verschenkt, wird dabei oft vergessen.

In meinem Hotel hier Porto Alegre empfange ich 7 Kanäle im Fernsehen. Den größten Kanal des Landes, Globo, 2 kleinere Stationen, einen shopping Kanal und 3 Kirchensender. Mitten in der Fußgängerzone auf dem Weg zum Marktplatz saß ein Mann in einem geparkten Auto mit einem riesigen Lautsprechern oben drauf, der zu grauseliger Musik Karaoke sang und dessen Texte sich sinngemäß darum drehten das ER (wobei nicht klar war ob der Sänger oder eben ER) die Erde in sieben Tagen geschaffen hat und seitdem für immer für uns da war und sein wird usw. In Arraial do Cabo waren wir gerade mal zwei Tage und an beiden Abenden waren die Kirchen geöffnet Mal waren sie gerammelt voll, mal saßen gerade mal 10 Leute drin.

Bei einem gepflegten Biechen muss ich mit den Leuten mal ueber ihr Verhaeltnis zu Gott schnacken, denn so ganz komme ich da noch nicht mit klar. Nicht das es irgendwie schlimm waere, aber wundern tut es einen dann doch.

Kategorien: Brasilien allgemein

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